Vortrag: Das Geschäft mit dem Hunger

14.03.2013, Diverses

Nahrungsmittelspekulationen haben massiv zugenommen - das Geschäft mit dem Hunger brummt. In Deutschland verdienen daran vor allem die Allianz und die Deutsche Bank. Fast 1 Milliarde Menschen müssen dafür hungern. Wie funktionieren Nahrungsmittelspekulationen? Wieso sind sie so verwerflich? Wer sind die deutschen Akteure? Was kann man gegen Nahrungsmittelspekulationen tun? In der Analyse gehe ich auf diese Fragen ein. Hier findet man den Antrag, den DIE LINKE zum Thema in den Bundestag eingebracht hat.

DAS GESCHÄFT MIT DEM HUNGER

O. EINSTIEG

Heute soll es um das Thema „Geschäft mit dem Hunger“ gehen, wie also mit dem Hunger von Menschen Geld gemacht wird auf dieser Welt. Die Ausgangsfrage für diese Fragestellung ist: Was ist Hunger überhaupt?

I. HUNGER AUF DER WELT UND DAS RECHT AUF NAHRUNG

Hunger ist für uns im reichen globalen Norden zunächst ein Gefühl, wenn wir 4-6 Stunden nichts gegessen haben und uns der Magen knurrt. Aber wenn wir vom Hunger in der Welt sprechen, was durch die Geschäfte mit dem Hunger befeuert wird, meinen wir ein soziales Massenphänomen, das weit über dieses Gefühl hinausgeht: die singuläre Erfahrung von „Ich hab schon eine Weile nichts mehr gegessen“ wird zu einem permanenten Zustand. Dieser individuelle Zustand wird mittels unterschiedlicher Methoden erfasst und anhand von Stichproben werden daraus Zahlen über eine Region abgeleitet. Der Welthunger-Index ist ein Instrument, den weltweiten Hunger zu messen.  

Unterernährung bezeichnet eine unzureichende Versorgung mit Energie, Proteinen, oder wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen. Sie kann entweder in Folge von zu wenig aufgenommener Nahrung (Menge) oder durch einseitige Nährstoffmenge bzw. verringerter Nährstoffaufnahme aufgrund von Infektionen oder anderen Krankheiten (Qualität) auftreten.

Als Massenphänomen existiert Hunger auch jetzt im 21. Jahrhundert, was ein Skandal ist angesichts des gewaltigen technischen Fortschritts. Wir können Erkundungsroboter auf den Mars senden, aber auf der Erde hungern 870 Millionen Menschen! Alle sechs Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen von Unterernährung. Es sind erschreckende Zahlen die man fortsetzen könnte - und an sich unvorstellbar, denn „Hunderttausend Tote sind Statistik, ein Toter jedoch eine Katastrophe“.

Weil es zur Normalität des 21.Jahrhunderts gehört, sind viele Menschen gegenüber diesen Zahlen abgestumpft. Ein permanenter Skandal ohne Einschaltquoten sozusagen. Stellen wir uns mal vor, für jeden toten Hungernden gebe es eine Unterbrechung des Fernsehprogramms – es gebe kein anderes Thema mehr. Aber es interessiert nicht.  Es ist ein tägliches Sterben, an das wir uns gewöhnt haben, weil es oft nicht vor der eigenen Haustür passiert und wir der Hungerbilder aus Afrika und Asien längst als Normalität ansehen. 

Dabei gehört das Recht auf Nahrung zu den fundamentalen Menschenrechten. Bereits in Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 heißt es:

„Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen“

Wer kritisiert, diese Erklärung sei kein völkerrechtlich bindender Vertrag, nehme Artikel 11 des Internationalen Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte von 1966, wo es heißt:

„Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familien an, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung und Unterbringung, sowie auf eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Vertragsstaaten unternehmen geeignete Schritte, um die Verwirklichung dieses Rechts zu gewährleisten, und erkennen zu diesem Zweck die entscheidende Bedeutung einer internationalen, auf freier Zustimmung beruhenden Zusammenarbeit an.“

Die Unterzeichner-Staaten – nahezu alle Staaten der Welt  - haben sich auf die Anerkennung dieses Rechts längst verständigt und darüber hinaus sogar verpflichtet, dieses Recht im Rahmen ihrer Möglichkeiten und unter Zuhilfenahme internationaler Zusammenarbeit zu verwirklichen.  Es ist also für die meisten Staaten verbindlich.

Und doch wird es so oft und so gewaltsam verletzt wie kein anderes Menschenrecht, wie die Zahlen belegen.

Es gibt neben der Spekulation mit Nahrungsmitteln – um die es heute primär gehen wird – viele verschiedene Spielarten der Verletzung des Rechts auf Nahrung:

  • Da ist die Regierung, die bei einer drohenden Dürre ihrer Schutzpflicht nicht nachkommt und nicht die notwendigen Maßnahmen ergreift (àStaatlichkeit).
  • Da sind bewaffnete Gruppen, die Nahrungsmittelhilfe, sei es vom Staat oder von der „internationalen Gemeinschaft“ kontrollieren, beschlagnahmen oder gar Hunger strategisch einsetzen (à Konflikt).
  • Da sind (transnationale) Unternehmen oder fremde Staaten, die Menschen von ihrem bisher bewirtschafteten Land vertreiben bzw. vertreiben lassen, ihnen das Land also wegnehmen, um dort selbst Nahrung anzubauen, Biokraftstoffe anzubauen oder das Land als Investitionsobjekt zu nutzen -  und damit den Bauern, die dort lebten die Möglichkeit der Subsistenzproduktion oder auch Marktproduktion nehmen (à landgrabbing).

Ein Bündel aus Einflussfaktoren, wie (mangelnde) Staatlichkeit, bewaffnete Konflikte, und Vertreibungen können die Rechtsverletzung also bedingen.

Hinzu kommen Dürren und in deren Folge Missernten, die regional zu Nahrungsmittelknappheit und im schlimmsten Fall zu Hungerkatastrophen führen können – wenn ich das sage denken bestimmt viele von euch an die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika 2011. Es besteht allerdings weitestgehende Einigkeit darüber, dass jede Hungersnot vermeidbar ist, wenn die sich anbahnenden Engpässe frühzeitig erkannt und durch politische Maßnahmen dementsprechend entgegengewirkt wird. Mittlerweile gibt es auch technisch gut funktioniere Frühwarnsysteme, die Hungersnöte ausreichend früh voraussehen.  

So wurden die Nahrungsmitteldefizite am Horn von Afrika bereits im November 2010 prognostiziert – ein halbes Jahr bevor die Krise ihren Höhepunkt erreicht hatte. Dennoch kam es in Ostafrika zu einer verheerenden Hungersnot, von der 13 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien, Kenia, Dschibuti und Eritrea betroffen waren.

Bereits seit geraumer Zeit sind die Engpässe im Sahel bekannt, die sich nach der Trockenperiode 2011 verstärkt angekündigt haben. 2012 waren 8 Millionen Menschen in Mali, Niger, Burkina Faso, Tschad und Mauretanien von Hunger betroffen. Man reagiert also auf die Frühwarnsysteme nicht, dass ist oft ein Problem, weniger die Naturbedingungen wie die Dürre. Verschärfend kommt seit Dezember 2012 der bewaffnete Konflikt in Mali hinzu, in dessen Folge Flüchtlingswellen innerhalb Malis und in die umliegenden Länder die Nahrungsmittelversorgung zusätzlich gefährden.  

II. Ein zentraler Grund: Steigende Nahrungsmittelpreise

Aber heute soll es weder um die akuten Hungersnöte noch um die aktuellen  gewaltsamen Konflikte gehen, sondern um den strukturellen Hunger und dessen Ursachen. Die Gründe für den strukturellen Hunger liegen tiefer. Sicherlich werden Hungersnöte durch unmittelbare Faktoren ausgelöst: der Regen, der ausbleibt, die politische Krisensituation, die sich zum bewaffneten, innerstaatlichen Konflikt ausweitet, wie seit einigen Monaten in Mali zu beobachten. Aber die tatsächlichen Ursachen, warum eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern müssen, liegen tiefer. Ich möchte einige nennen:

-         Da ist die verfehlte Agrarpolitik in Europa und Nordamerika, die hochsubventionierte Produkte auf die Märkte im globalen Süden bringt [Milchbeispiel / Ghana]. Jahrzehntelang ging dieses Agrardumping mit einem Verbot des Schutzes (z.B. Zölle) und der Förderung der einheimischen Landwirtschaft in den Ländern des Südens einher (Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und IWF verboten Subventionen für die Landwirtschaft) – schlichtweg wurde die Landwirtschaft massiv vernachlässigt und ein Umdenken findet auch auf globaler Ebene erst seit wenigen Jahren statt.

  • Da sind weiterhin die umfassenden Futtermittelimporte aus den Ländern des Südens zur Verfütterung in Europa zu nennen, was jedes Jahr neue Agrarflächen im Süden braucht.
  • Hinzu kommt der Anbau von Agrokraftstoffen.

Ein neueres Phänomen sind aber steigende weltweite Preise für Nahrungsmittelpreise. Seit wenigen Jahren, vor allem seit 2006, steigen die weltweiten Nahrungsmittelpreise an bzw. schwanken massiv– was auch erklärt, warum die relativen Zahlen in der Bekämpfung des Hungers bis 1997 zurückgegangen sind, seither aber wieder steigen [Folie: FAO Nahrungsmittelindex].    

Der wahre Grund für Hunger liegt also meist darin, dass sich Menschen die Nahrungsmittel schlicht nicht leisten können – es also durchaus ausreichend Nahrungsmittel gibt – es wird auch heute genug produziert um 12 Milliarden Menschen zu ernähren -  aber nicht genug Geld seitens der Menschen vorhanden ist, sich diese Nahrung zu kaufen. Mais, Weizen, Reis – die Preise erreichen seit 2006 immer neue Rekorde.

So waren Anfang 2011 Nahrungsmittel so teuer wie nie in der Geschichte der Menschheit. Weizen kostete im Juli 2010 pro Tonne 200 Dollar, im Februar 2011 kostete eine Tonne 360 Dollar! Fast eine Verdopplung!

Auch während der Hungersnot in Ostafrika letztes Jahr gab es laut Welternährungsprogramm der UN in Kenia genug Nahrungsmittel. Aber die Preise waren zu hoch. Ähnliches gilt für Somalia. Laut Weltbank und der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO stiegen die Preise in Somalia für Mais, eines der Grundnahrungsmittel, im Vergleich zum Vorjahr um 154 Prozent, die für Hirse um 240 Prozent. Fortan mangelte es im Süden Somalias weniger an Nahrung, denn am Geld, um sie zu kaufen. Arme Familien konnten sich jetzt kein Essen mehr leisten, auch dann nicht, wenn sie ihr Vieh verkauften: Hatte man für den Erlös einer Ziege im Herbst 2010 noch knapp 150 Kilogramm Mais bekommen, waren es im Juni 2011 weniger als 30.

Enorme Preissteigerungen für Nahrungsmittel und eine hohe Arbeitslosigkeit waren im Januar 2011 ein wichtiger Grund für die Proteste in Nordafrika. Welche Konsequenzen diese Proteste vor allem in Tunesien und Ägypten hatten, ist bekannt. Doch auch in anderen Ländern kam es wegen der gestiegenen Nahrungsmittelpreise zu Protesten:  Zum Beispiel in Kenias Hauptstadt Nairobi, wo die Menschen monatelang jede Woche auf die Straße gingen, um gegen die hohen Lebensmittelpreise zu demonstrieren und die Regierung aufzufordern, die Preise für Mais zu subventionieren. Oder im Nachbarland Uganda, wo eine landesweite Kampagne gegen die steigenden Sprit- und Lebensmittelpreise ins Leben gerufen wurde.

Nun könnte man sagen: Was macht es schon, wenn ein Kilo Mais oder Weizen ein paar Cent mehr kostet. Denn: Gestiegene Preise bei Nahrungsmitteln machen sich bei uns in den seltensten Fällen bemerkbar. Natürlich, für Hartz IV Empfänger und Niedriglöhner hat es möglicherweise Auswirkungen, aber die Masse der Bevölkerung muss deswegen nicht großartig verzichten.

Denn wir geben nur 10-20 % unseres Einkommens für Lebensmittel aus. Die Auswirkungen im globalen Süden, in Afrika, Asien und Lateinamerika, sind dagegen dramatisch. In den ärmsten Ländern dieser Welt geben die Menschen nämlich einen Großteil ihres Einkommens – 60 bis 80 Prozent – für Nahrungsmittel aus.

Steigende Preise haben deshalb im globalen Süden heftige Konsequenzen. Die betroffenen Familien essen weniger Mahlzeiten, kaufen billigere Nahrungsmittel, die oft weniger nahrhaft sind, geben weniger Geld für Bildung und Gesundheit aus. Wenn es nichts mehr zum einsparen gibt, bleibt oft nur noch der Weg, ein Darlehen aufzunehmen, um zu überleben. Selbst wenn aber dann irgendwann die Preise für Nahrung wieder fallen, haben die Familien wegen der Darlehensrückzahlung Mehrkosten. Sie geraten in eine Schuldenfalle. Im schlimmsten Fall hungern sie und fallen in die anonyme Statistik der Millionen Hungernden.

Also führen hohe Nahrungsmittelpreise zusammengefasst zu: Hunger, Armut und noch mehr gewaltsamen Auseinandersetzungen.

 

III. Nahrungsmittelspekulationen

Wieso aber steigen die Nahrungsmittelpreise derartig heftig? Nun wird man sagen: Schwankungen gab es immer schon. Aber die Folie von gerade zeigt ja wie heftig die Schwankungen seit 2006 geworden sind mit heftigen Peaks 2007/2008, 2011 und 2012.

Ein wichtiger Grund für steigende Nahrungsmittelpreise ist die stark angestiegene Spekulation mit Nahrungsmittel. Ein altes Phänomen in gewisser Weise, das es im Westen seit 100 Jahren gibt, aber gleichzeitig seit 2006 in einer viel neueren, krasseren Form.

Wenn man vom „Geschäft mit dem Hunger“ redet, meint man genau dies, Nahrungsmittelspekulationen in ihrer neuen Form.

2007/2008 erlebten wir eine schreckliche Nahrungsmittelkrise, die mehr als 100 Millionen Menschen zusätzlich in den Hunger trieb. Genau zu dieser Zeit warb die Deutsche Bank auf Frankfurter Brötchentüten damit, dass sich Anleger, die auf höhere Nahrungsmittelpreise spekulieren, über dicke Gewinne freuen könnten. D.h. die Deutsche Bank warb für Nahrungsmittelspekulationen in der breiten Bevölkerung. Diese makabere Werbung war das i-Tüpfelchen für eine ganze Reihe von Nahrungsmittelgeschäften, die seit der Lockerung der Finanzmarktregeln für Spekulationen zwischen den Jahren 1991 und 2005 ihren Lauf genommen hatten.

Heute werden vor allem in Chicago, aber auch in London, Paris, Frankfurt, Zürich die weltweiten Nahrungsmittelpreise festgesetzt und zwar mit steigender Tendenz.  Die Auswirkungen der Spekulationen sind aber global und nicht auf die Börsen begrenzt. Provokant kann man sagen: In Afrika und Asien werden die Opfer der weltweiten Spekulation begraben.

 

1. Wie funktionieren Nahrungsmittelspekulationen?

Aber ich möchte von Anfang an anfangen, bevor ich zu den Auswirkungen und den Entwicklungen in diesem Geschäft mit dem Hunger komme. Daher beantworte ich erst mal die naheliegendste Frage: Was ist Nahrungsmittelspekulation überhaupt, wie funktioniert das?

  1. Kassamarkt

Fangen wir mit dem einfachsten Modell an. Auf dem Nahrungsmittelmarkt hat man es normalerweise mit dem Bauern als Produzenten und Verkäufer und dem Müller als Weiterverarbeiter und Käufer zu tun. Das war historisch so und - wenn auch in anderen Dimensionen -  ist es heute auch so.

Wenn Bauer und Müller, Käufer und Verkäufer, einen Vertrag über die Lieferung von 1 Tonne Getreide zu einem Preis X schließen, spricht man vom Kassamarkt. Es ist ein sofortiger Cash Markt, ohne Börse und Spekulanten.

 

  1.  Termingeschäft

Doch sowohl Bauer als auch Müller haben auch ein Interesse, Verträge nicht sofort, sondern für die Zukunft zu schließen, um sich abzusichern vor Risiken wie einer Veränderung des Preises. D.h. der Bauer hat Sorge, dass in der Zukunft seine Ware weniger Marktwert hat und der Müller, dass die Ware in der Zukunft teurer ist. Der Bauer möchte bei der Aussaat wissen, welchen Preis er später erhält.

Diesem verständlichen und schon seit langer Zeit bestehenden Absicherungsinteresse, „Hedging“ in der Finanzwelt genannt, wird dadurch Rechnung getragen, dass man heute, bspw. im Februar 2013 einen Vertrag schließt für eine Lieferung von 1 Tonne Getreide im November 2013 zum Preis X. D.h. man vereinbart heute schon Liefermenge und Lieferpreis zu einem Liefertermin in der Zukunft. Das ist ein Termingeschäft oder Forward.

  1.  Warenterminbörse

Nun kommen wir zur Warenterminbörse. Im Prinzip funktioniert es wie ein Termingeschäft. Wir haben wieder Bauer und Müller, die sich für die Zukunft absichern wollen. Der Bauer gegen sinkende Preise – er ist nach dem Fachterminus in der „short“ Position – und der Müller gegen steigende Preise – er ist nach dem Fachterminus in der „long“ Position. Zu diesem Zweck gehen sie an die Warenterminbörse, haben also keinen direkten Kontakt, sondern ein Spekulant ist zwischengeschaltet. An der Börse heißt der Vertrag, den sie machen, Future. Ein Vertrag, den Käufer und Verkäufer mit der Börse abschließen, aber erst zu einem bestimmten Termin in der Zukunft eingelöst werden.

Diese Warenterminbörsen gab es immer, die berühmteste und wichtigste ist die in Chicago, es gibt aber solche Warenterminbörsen auch in Europa – in Paris, London, Zürich und Frankfurt.

Fast 80 % der Teilnehmer waren 1998 tatsächlich ein echter physischer Käufer bzw. Verkäufer von Agrarrohstoffen. Es gab ca. 20 % Spekulanten, die meisten waren aber Teil des Marktes und  eher Vermittler. Sie lebten von der kurzfristig erzielten Differenz zwischen Kauf und Verkauf durch Futures, gehörten aber zum Nahrungsmittelmarkt.

Diese Warenterminbösen, an denen z.B. Weizen auf die Zukunft gehandelt wurde, stellten eine sinnvolle Dienstleistung für Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung dar. Der Bauer konnte seine Ernte, die noch auf dem Feld stand, an einen Mühlenbetreiber verkaufen, obwohl die Ernte erst in einigen Monaten erfolgte. So konnten beide Seiten ihre Geschäfte besser kalkulieren. Beide Seiten waren so abgesichert gegen eventuelle Preisschwankungen. Sie erzielten dank des Spekulanten auch einen „fairen“ Preis, da der Spekulant das Marktgeschehen kannte und besser den künftigen Preis kalkulieren konnte.

So war es früher und ist es noch in einem geringeren Umfang. Doch heute sind die Warenterminbörsen zu „Finanzanlagebörsen“ verkommen: ein relevanter Ort der Zockerei mit Nahrungsmitteln, dem Geschäft mit dem Hunger. Wie ist es dazu gekommen? Wie konnte etwas, das sinnvoll war für alle Beteiligten, zu so einem Ungetüm werden, das hunderte Millionen Menschen in Hunger und Tod stürzt? Etwas werden, wo Menschen vom Bürostuhl aus Hungerkrisen hervorrufen können?

Ursprünglich dienten die Warenterminbörsen ja wie aufgezeigt der Preisstabilisierung. Doch in den letzten Jahren hat die Zahl der branchenfremden Akteure massiv zugenommen (Folie zu Hedging und Spekulation). Verschiebungen: Chicago Warenterminbörse 1998: Indexfonds 7 % à 2008: 41 %. Echte „Hedger“: 1998: 77 % à 31 % 2008.

Doch was sind diese Rohstoff-Indexfonds? Es ist ein Produkt, welches von Investmentbanken entwickelt worden ist. Diese Fonds kann man sich wie einen Korb oder ein Bündel von Rohstoffen vorstellen. Neben Energierohstoffen und Industriemetallen, haben Agrarrohstoffe, also Nahrung, daran einen Anteil. Bei einem  Indexfonds aufgelegt von Goldman Sachs beispielsweise werden 25 Rohstoffe gebündelt – darunter Agrargüter, wie Mais, Weizen, Zucker, Baumwolle, Kaffee, aber auch Lebendrind und mageres Schwein haben daran insgesamt einen Anteil von 17 %. Bei dem Dow Jones UBS Commodity Index (DJ-UBSCI) hingegen sogar 1/3 von insgesamt 19 Rohstoffen.

Es sind also solche Fonds, die nicht nur, aber auch in Agrarrohstoffe investieren bzw. sie als Teil ihres Portefolios haben. Es gibt mittlerweile sehr viele davon.

Der Vorteil für die Anleger liegt auf der Hand: während vormals nur richtige Experten auf Agrarrohstoffmärkten kurzfristige Gewinne erzielen konnten, sie daher für normale Anleger uninteressant waren, übernimmt die Bank diese Aufgabe nun und ermöglicht es dem Anleger auch an Rohstoffmärkten zu partizipieren. Der Anleger gibt sein Geld an den Fonds. Der Fonds hat die ausreichende Expertise, das Geld an den Warenterminbörsen anzulegen. Die Rendite wird weitergegeben an den Anleger.

Das Problem an der ganzen Sache: Durch die branchenfremden Fonds, es sind auch Pensionsfonds und Hedgefonds mit von der Partie, ist sehr viel Kapital auf die Rohstoffmärkte geflossen ist.  Um eine Zahl zu nennen: Das Anlagevolumen der Indexfonds stieg von 13 Mrd. Dollar im Jahr 2003 auf ca. 318 Mrd. Dollar im Jahr 2008. Tendenz weiter steigend. Diese Fonds sind also aus Sicht der Anleger eine attraktive Anlage und sie investieren fleißig.

Damit strömte natürlich sehr viel Kapital an die Warenterminbörsen. Diese waren für diese Kapitalflut gar nicht ausgelegt, sie handelten ja mit realen Werten und dienten der Preisstabilisierung und Findung – viel Kapital ist dafür immer schädlich, weil es zu gefährlicher Blasenbildung kommen kann.

Die Menge der nun an den Warenterminbörsen gehandelten Nahrungsmittel übersteigt die real vorhandene Erntemenge um ein Vielfaches. Oxfam zufolge wurden 2011 in den USA Weizen-Futures im Volumen vom 4.400 Mio. Tonnen Weizen gehandelt - das 6fache der tatsächlichen weltweiten Ernte – völlig aberwitzig! (Folie: Ernten und Futurehandel)

Das weist schon auf das eklatante Missverhältnis hin:  Lediglich zwei Prozent aller Terminkontrakte ziehen heutzutage eine tatsächliche Lieferung nach sich. Der Rest wird frühzeitig aufgelöst („glatt gestellt“). Bei diesen Positionsauflösungen kurz vor Ablauf der Laufzeit kommt es aber nicht wie man erwarten könnte zu einem Preisverfall, was ja bei Aktienmärkten üblich wäre – nämlich das bei Verkauf die Preise fallen. Denn das freiwerdende Kapital wird sofort wieder in einen neuen Rohstoffkontrakt investiert, das nennt man „Rollieren“, so dass die Rohstoffmärkte permanent einen hohen Kapitalzustrom haben.  

Da der branchenfremde Spekulant nicht an den hinterlegten Rohstoffen interessiert ist, er will ja nicht wirklich mehrere Tonnen Weizen geliefert bekommen, wartet er einen günstigen Termin bezüglich anderer Faktoren (Währung, Zinsraten) ab oder einen guten Gewinn-Peak und kurz vor dem festgelegten Termin verkauft er den Warenkontrakt wieder und generiert aus dem Erlös wieder neue Verkaufskontrakte. Das macht er kontinuierlich und ständig, weshalb vom rollierenden Handel gesprochen wird (roll-over). Aus diesem kurzfristigen Kauf und Verkauf – Positionen – werden Gewinne erzielt.

Letztlich werden Weizen, Getreide und Co. wie eine x-beliebige Aktie behandelt: kaufen, verkaufen, Gewinne machen.

Während aber Aktien oder Anleihen den Aufbau von Produktionsanlagen, neuen Unternehmen oder staatlicher Infrastruktur finanzieren können, schließen Rohstoffanleger lediglich Wetten auf die Preisentwicklung der zugrunde liegenden Rohstoffe ab. Es handelt es sich also nicht um reale Erstellung eines Wertes oder Stützung eines Unternehmens, sondern um eine Wette auf den künftigen Preis eines Gutes. Dabei kann sowohl darauf gewettet werden, dass ein Preis fällt als auch dass er steigt. Mit beidem ist Gewinn möglich.

Aber wieso strömen JETZT so viele branchenfremde Anleger auf die Warenterminbörsen, warum nicht früher?

Es handelt sich ja um ein Phänomen, das zwischen 2006 und 2008 sehr massiv begonnen hat und seitdem weiter zunimmt. In den letzten Jahren gab es eine zunahme dieser Termingeschäfte mit Agrarrohstoffen um das 50fache!

Früher gab noch umfangreiche Regularien, die die Möglichkeiten der Spekulation an den Warenterminbörsen stark begrenzten: Bis 1990 galt in den USA die Begrenzung von 600 Kontakten pro Investor und Rohstoff. Das reichte dem normalen Branchen-Investor auch, der 100- bis wirklich max. 1000 Kontrakte abschließt.

Nach jahrelangem Drängen der Finanzbranche kam es 2000 zu entscheidenden Gesetzesänderungen in den USA: Die Positionslimits für die Futures auf Getreide und Sojabohnen wurden immer weiter heraufgesetzt, so dass die ehemalige Grenze von 600 Kontrakten auf 22.000 bei Mais, 10.000 bei Sojabohnen und 6.500 Kontrakten bei Weizen anstieg! Das Ziel: Banken verstärkt an die Märkte zu holen bzw. die Banken wollten dies natürlich gerne, um ihre Gewinne zu erhöhen.

Später kam die völlige Aufhebung von Positionsgrenzen, die Goldman Sachs als erster Bank als Ausnahmeregel beanspruchte und die sich dann zunehmend durchsetzte. So konnte in der Folge jedes Finanzunternehmen und auch institutionelle Investoren wie Pensionsfonds und Stiftungen zügellos Geld in Rohstoff-Indexfonds investieren, es gab keine Begrenzungen. Mittlerweile sind die Warenterminbörsen die mit am schlechtesten geregelten Börsen der Welt.

So zeichnen sich auch diese Fonds dadurch aus, dass sie zehntausende und hunderttausende Kontrakte abschließen, d.h. weit ab von dem was in der Realwirtschaft passieren würde bzw. unter Branchen-Akteuren. Zugleich konnten immer mehr Privatanleger für die Rohstoffanlagen gewonnen werden.

Denn in Zeiten, wo die Aktienmärke wackeln und wir Wirtschaftskrisen erleben, versprechen Rohstoffe Sicherheit. Gerade Agrarrohstoffe. Gerade nach dem Crash des US-Immobilienmarktes 2008 strömten viele Spekulanten auf die Warenterminbörsen bzw. den Rohstoff-Terminhandel und suchten sich ein neues Spielzeug, das sicherer erschien.

Denn die Weltbevölkerung wächst und Krise hin oder her: Gegessen werden muss immer.

Inzwischen gibt es Hunderte solcher Fonds, mittels derer sich auch jeder Kleinanleger an den Wetten auf Rohstoffpreise beteiligen kann.

Neben diesen Index-Fonds, die mehrere Rohstoffklassen umfassen, gibt es inzwischen auch solche, die speziell auf eine Rohstoffklasse setzten, z.B. Kakao, Kaffee, Baumwolle oder auch den Agrarsektor insgesamt verfolgen, also nicht breit streuen, sondern gezielt arbeiten. Diese können sehr sehr mächtig werden:  Der Londoner Hedge Fond Armajaro kaufte im Juli 2010 fast alle verfügbaren Kakao-Futures an der Börse auf. Das war möglich, da es eine überschaubare Zahl ist. Die Preise stiegen sofort um 15 %.

Zusammenfassung: Durch massive Liberalisierungen der Warenterminbörsen bzw. des Finanzmarktes zwischen 1991 und 2005 wurde es Banken, Pensionsfonds etc. erleichtert, Geld an den Warenterminbörsen anzulegen. In Erwägung, dass gegessen werden muss, dass es eine sichere Anlage ist, schossen die Anlagen in diesem Bereich in die Höhe, nahmen in den letzten Jahren um das 50fache zu. Es floss viel Kapital an die Warenterminbörsen. Es wird deutlich mehr gehandelt, als es an Realwerten gibt.

Noch einige wichtige Phänomene und Begriffe in diesem Zusammenhang:

OTC Handel

Doch das Bild ist noch nicht komplett. Denn parallel zu diesen Rohstofffonds hat sich noch ein weitaus größerer Markt für Rohstoff-Derivate (Derivate = Termingeschäfte) aufgebaut, der der öffentlichen Aufsicht komplett entzogen ist. Der so genannte „over-the-Counter“-Handel, kurz OTC-Markt. Im Gegensatz zu den eben erläuterten Investitionen, die an den Börsen gehandelt werden, ermöglicht der OTC-Handel direkte Vereinbarungen zwischen den Banken und ihren Kunden sowie zwischen Banken untereinander. Dabei sind die Rohstoffabteilungen der Banken die Drehscheibe und zugleich übernehmen sie die Preissicherung. Auf diesem Weg hat sich das rein finanzielle Rohstoffgeschäft noch einmal vervielfacht, weil die Banken so über den OTC-Handel eine zusätzliche parallele Handelsumgebung schaffen. Foodwatch zufolge ist das Volumen des OTC-Geschäfts mit Rohstoffderivaten noch sieben Mal größer, als jenes, das über die Warenterminbörsen läuft.  

Swaps als Beispiel für den OTC-Handel

Swaps sind außerbörslich gehandelte Termingeschäfte. Als Swap bezeichnet man Vereinbarungen, bei denen heute festgelegt wird zu welchen Bedingungen die Vertragspartner in der Zukunft ein Termingeschäft, z.B. ein Future miteinander tauschen. Der Swap-Handel findet bisher weitgehend per Telefon zwischen den Handelsteilnehmern statt. Viele Investoren erwerben Swaps nicht zur Absicherung realer Geschäfte, sondern benutzen sie ausschließlich als reine Finanzwetten.  

Hedgefonds

Welche Rolle spielen diese? Man könnte man als die Spitze des Eisbergs betrachten. Als weitestgehend unregulierte Fonds unterliegen Hedgefonds keiner gesetzlichen Begrenzung und sind deshalb in der Regel in Steueroasen registriert. Gegenwärtig sind rund 2 Billionen US-Dollar in Hedgefonds angelegt. Nehmen wir an, dass nur 5 Prozent davon an den Rohstoffmärkten eingesetzt werden, wären allein 100 Milliarden Dollar im Spiel. Auch dieser Teil des Handels geht komplett an der Börse vorbei und gehört mit zu dem eben erklärten OTC-Handel.

2. Wie wirkt sich Nahrungsmittelspekulation auf die weltweiten Nahrungsmittelpreise aus?

Der Rollover-Effekt bei den Rohstoff-Indexfonds habe ich ja bereits erklärt. Nochmal kurz zur Wiederholung: Spekulanten verkaufen die Future-Kontrakte stets kurz vor deren Fälligkeitstermin und erwerben anschließend neue Futures. Sie kaufen und verkaufen ständig.

Wenn die Fondsmanager binnen kurzer Zeit eine große Zahl neuer Futures kaufen, treiben sie damit den Preis hoch. Sie verhalten sich wie eine Herde. Wenn also ein größerer Player Weizen kauft, bspw. weil es eine Warnmeldung gibt, dass die Weizenernte dieses Jahr etwas geringer ausfällt, kaufen alle Weizen. Wo vorher eine reale Preissteigerung von 10 % wäre, kommt es zu schnell zu einer Verdopplung des Preises wegen des immensen Kapitals das fließt aufgrund des Herdentriebs. Die tatsächliche Preisentwicklung wird vollständig zerstört. Anschließend kommt es zwar häufig vor, dass dieser Preis im weiteren Zeitverlauf wieder fällt, weil man hat ja einen guten Gewinn gemacht und verkauft nun. Aber Fakt bleibt, dass es durch diese Praxis zunächst einmal zu massiven Preisschwankungen kommt.

Diese immer größer werdenden Preisausschläge erhöhen die Unsicherheit für Bauern, Weiterverarbeiter etc. Selbst deutsche Bauern klagen inzwischen, dass sie absolut nicht einschätzen können, wie sich die Preise entwickeln und dies ein neues Phänomen sein. Die Warenterminbörse schafft somit keine Preissicherheit, erfüllt ihren eigentlichen Zweck nicht, sondern schafft Preisunsicherheit. Das alte Argument, die Börsen tragen zu Preisstabilisierung bei, stimmt also bei den gegenwärtigen Auswüchsen nicht mehr, weil Spekulanten ja gerade auf Krisenmeldungen reagieren. 

Immer wieder wird - von immer weniger Wissenschaftlern zum Glück, es sind meistens die, die für Bankenverbände arbeiten - behauptet, dass die Daten über Preise der Future-Börsen keinen Zusammenhang mit den so genannten Spot-Märkten aufweisen. – Jenen realen Märkten, wo der Preis für ein Agrarprodukt zur sofortigen Lieferung ausgehandelt wird. Tatsächlich aber gibt es zahlreiche Belege dafür, dass sich auch der lokale Getreidebauer in Deutschland längst an den aktuellen Preisen der MATIF (die in Europa führende Getreidebörse mit Sitz in Paris) orientiert, bevor er mit seinem Abnehmer verhandelt! So setzen sich die hohen Preise der Future-Börsen auch auf lokalen Märkten durch, da sie Referenzpunkt für die echte Preisbildung sind. 

Und um nochmal auf das Herdenprinzip zurückzukommen:  Natürlich wird der Markt beeinflusst durch äußere Faktoren wie Zahlen über die Weltbevölkerung, Ernteerträge, Flächenmangel usw. Diese „Trends“, die ja auch reale Preisveränderungen grundsätzlich erklären, aber eher kleine Preisausschläge rechtfertigen würden, führen wegen der hektischen und nervösen Warenterminbörsen und dem OTC-Handels zu massiven Ausschlägen, da plötzlich viel Kapital hin und her geschoben wird.

An der Hungerkrise 2007/2008 konnte man es sehen: Der Maispreis hat sich in wenigen Monaten verdoppelt! Es gab für so einen Preisausschlag keine reale Rechtfertigung, es war eine reine Spekulation bzw. Panikreaktion, im Herdentrieb hatten alle Fonds mitgemacht und so den Preis gesteigert.

Selbst die Politik weiß es und tut nichts. Schließlich hat das deutsche Entwicklungsministerium schon 2008 festgestellt, dass die internationalen Kapitalmärkte auf der Suche nach lukrativen und relativ zukunftssicheren Anlagemöglichkeiten wieder auf die Agrarmärkte aufmerksam geworden sind und dass dies für Preisausschläge auf den Agrarmärkten gesorgt hat.

Wie hoch ist aber der Einfluss nun tatsächlich? Experten der Weltbank bezifferten den Einfluss auf ca. 37 Prozent. Der Chefvolkswirt der Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen UNCTAD, Heiner Flassbeck, steigert diese Schätzung sogar auf 80 Prozent.

Der Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspekulation und Hunger wird jedoch auch bezweifelt, z.B. von der Bundesregierung. Dieser liegen nach eigenen Aussagen noch immer zu viele gegenteilige Studien vor, um die nachteilige Wirkung von Spekulation mit Nahrungsmitteln und der Einfluss auf den weltweiten Hunger bejahen zu können. –Ein Armutszeugnis! Immer noch weigert man sich die Realität zu Kenntnis zu nehmen.

3. Deutsche Akteure

Aus Deutschland sind zahlreiche Banken und Versicherungen beim Geschäft mit dem Hunger dabei. Ganz gleich, ob private, öffentliche oder genossenschaftliche Geldhäuser.

Insgesamt legten 2011 die deutschen Finanzinstitute 11,4 Milliarden Euro in Agrarrohstoffen an.

 

Allianz: gehört zu den weltweit größten Versicherungskonzernen mit 100 Milliarden EUR Umsatz und über 78 Mio. Kunden in 70 Ländern.  Und ist deutscher Spitzenreiter bei Nahrungsmittelspekulationen.

Hat mehrere Fonds im Rohstoffbereich. Geschätzte 6,242 Milliarden Euro legte die Allianz im Jahr 2011 in fünf Fondsdirekt oder indirekt in Agrarrohstoffen an. Seit 2008 hat sich das Kapital, das die Allianz in Agrarrohstoffen anlegt, mehrals vervierfacht.

Im Jahr 2008 schrieb die Allianz in ihrer Publikation Agrartrends: (Saat-)Gut

fürs Depot, dass „sich die Anleger über satte Gewinne erfreuen“ (sic!)

konnten. Sojabohnen hätten sich zwischen 2005 und Ende 2007 um 115

Prozent, Mais um 125 Prozent und Weizen um 120 Prozent verteuert. Offensives Werben also mit den steigenden Preisen!

Deutsche Bank: sehr viele neue Fonds, über die Hälfte davon erst 2009 oder später, insgesamt aktuell mindestens 27 Fonds, die Agrarrohstoffe beinhalten.

Der Umfang im Agrarrohstoffsektor ist ungefähr bei 4,6 Milliarden Euro, deutscher 2.Platz!

Landesbank Baden-Würtemberg (LBBW), Commerzbank, DEKA haben sich aus dem Geschäft zurückgezogen. Ob dies tatsächlich als Reaktion auf den massiven öffentlichen Druck zu deuten ist, oder ob der wahre Grund schlichtweg die rückläufige Rentabilität ist (aufgrund langsam greifender Aufsichtsregeln), wissen wir nicht. Fakt ist, dass diese Banken mit relativ geringen Anteilen am Geschäft mit dem Hunger beteiligt waren. Die beiden größten DB und Allianz jedoch beteiligen sich auch weiterhin am Geschäft mit dem Hunger und verdienen daran prächtig.

Auf der Grünen Woche im Januar 2013 hat der Co-Chef der Deutsche Bank, Jürgen Fitschen, angekündigt, auch weiterhin mit Nahrungsmitteln zu spekulieren, da es angeblich keine stichhaltigen Beweise für die preistreibende Wirkung gäbe.

Doch bekanntlich haben Lügen kurze Beine und so dauerte es nur knapp 6 Wochen, bis nun am 24.02.2013 interne Studien bekannt wurden. Sowohl die wissenschaftliche Abteilung der Deutschen Bank „DB Research“ als auch des Allianzkonzerns sind tatsächlich zu ganz anderen Ergebnissen gekommen:

„In manchen Zeiten können übertriebene Marktpositionen allerdings das normale Funktionieren des Markts vorübergehend verzerren – und dies kann möglicherweise ernsthafte Konsequenzen für Bauern und Verbraucher haben.“ (interne Studie der Deutschen Bank)

„Bedenkt man jedoch […] den massenhaften Zustrom von Fonds und nicht-traditionellen Teilnehmern auf die Rohstoffmärkte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die Spekulation übermäßige Preisentwicklungen zumindest fördert, und zwar in beide Richtungen.“ (internes Arbeitspapier der Allianz)

4. Internationale Re-Regulierungsvorhaben

Auf die exzessive Spekulation mit Nahrungsmitteln folgte der Ruf nach einer Re-Regulierung der Finanzmärkte, insbesondere im Rohstoffhandel. 

In den USA wurde 2010 der Wall Street Reform Act (Dodd-Frank Act) beschlossen, deren unterschiedliche Teile nach und nach in Kraft treten. Der Dodd-Frank Act sieht verschiedene Reformen für die Terminmärkte vor, u.a. die Einführung von strengeren Positionslimits. Allerdings gibt es enormen Widerstand aus der Finanzlobby, die erfolgreich gegen die Positionslimits geklagt hat, auch die Deutsche Bank. Im Moment steht ein Berufungsverfahren der US-Aufsichtsbehörde (CFTC) aus. Doch gibt es auch schon erste Erfolge für mehr Transparenz: Seit Januar 2013 müssen sich die größten Swap-Händler in den USA registrieren lassen.

 

In der EU liegt in Abstimmung mit dem Dodd-Frank Act seit 2010 eine Verordnung zur Erfassung des OTC-Handels vor: die Europäische Marktinfrastruktur-Verordnung (EMIR). Trotz großer zivilgesellschaftlicher Anstrengungen sind die Verhandlungen über die Richtlinie zu Märkten für Finanzinstrumente (MiFID II) ins Stocken geraten. Vorgesehene Positionslimits – die an sich schon viel zu schwach sind, da sie Kauf- und Verkaufspositionen miteinander verrechnen - und eine Beschränkung des Hochfrequenzhandels werden minimal ausfallen bzw. viele Schlupflöcher bieten. Mit einem Abschluss der Verhandlungen wird laut Bundesregierung Ende 2013 gerechnet.  

5. Welche politische Antworten sind geboten?

  1. Minimallösung wäre: Schaffung von Transparenz, stärkere Marktaufsicht. Dadurch würde zumindest der breiten Öffentlichkeit bekannt werden, welche Banken an dem Geschäft mit dem Hunger verdienen. Immerhin lehnen nach einer FORSA Umfrage aus November 2011 84 % der Bürger Nahrungsmittelspekulationen ab und die Hälfte sagt, sie würde ihre Anlage bzw. ihr Konto kündigen bei einer Bank, die daran Geld verdient. Es ist ein moralisch hochverwerfliches Geschäft, Banken wollen damit ungerne in Verbindung gebracht werden. Sie wollen die Gewinne, aber nicht die schlechte Publicity. Daher muss Publicty geschaffen werden – über Transparenz. Das ist das Mindeste.
  2. Eine stärkere Marktaufsicht müsste darauf hinwirken, nur Spekulation mit Agrarrohstoffen auf das zur Preisabsicherung notwendige Maß an Warentermingeschäften stattfinden zu lassen.
  3. Weiterhin brauchen wir Positionsobergrenzen. D.h. zurück zu früheren Zeiten, wo die Anzahl der Kontrakte pro Anleger massiv eingeschränkt war. Das macht das Geschäft mit dem Hunger für die Rohstoff-Fonds deutlich unattraktiver. Dies muss durch Kontrollinstanzen bzw. einer strengen Marktaufsicht kontrolliert werden.
  4. Damit erfasst man natürlich nur den Handel an den Warenterminbörsen. Wie gesagt, ein größerer Teil des Handels findet außerbörslich statt. Deswegen muss der OTC-Handel, der außerbörsliche Handel, komplett verboten werden.
  5. Des Weiteren brauchen wir die Einführung eines Händlerregister, in dem sich alle Akteure, die mit Agrarrohstoffderivaten handeln, registrieren lassen müssen. Eine Registrierung ist Akteuren möglich, die an Produktion, Weiterverarbeitung und Verkauf beteiligt sind. Indexfonds ist die Eintragung in das Handelsregister zu verweigern.

Würde man diese fünf Punkte umsetzen: Transparenz, starke Marktaufsicht, Positionsobergrenzen, Verbot des OTC Handels, Ausschluss der Rohstoff-Indexfonds – also Börsenregulierung, wäre viel gerettet und die Zockerei mit Nahrungsmitteln würde massiv eingedämmt. Möglich ist das auch, die Reglungen gab es vor 1990 durchaus!

Wo man aber aus meiner Sicht wirklich hin muss: Den gesamten Agrarrohstoffbereich von den Finanzmärkten zu entkoppeln. Nahrung ist ein Menschenrecht, kein Spielzeug für Spekulanten. Wenn man das politisch so sieht, muss man weg von der Preisfestlegung an Börsen hin zu staatlichen Vereinbarungen und Preiskorridoren über Nahrungsmittelpreise. Dies schafft ebenfalls Preissicherheit für alle Beteiligten – und schützt die Hungernden dieser Welt vor Preissteigerungen.

 

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