"Unter Platzhirschen: Fünf junge Bundestagsabgeordnete erzählen, wie sie ihren Einstieg in die große Politik erlebt haben."

29.12.2012, Presseecho

Badische Zeitung, 29.12.2012, Arne Bensiek

"Da ist er nun Bundestagsabgeordneter, drei Jahre schon, und er wähnt sich bei einem Routineakt. Vor dem Eingang des Plenarsaals zwängt sich Niema Movassat an einer Schülergruppe vorbei zu den Anwesenheitslisten. Er greift sich einen Stift, setzt zur Unterschrift an, da donnert es von der Seite: "Ich habe doch gesagt, ihr sollt da nicht unterschreiben." Movassat reißt den Stift hoch, weiß nicht, was geschieht. Dann sieht er die aufgebrachte Lehrerin neben sich. Er muss lachen – und aufklären. Freundlich weist Movassat die Lehrerin darauf hin, dass er hier Abgeordneter der Fraktion Die Linke ist. Er gehöre nicht zu ihrer Schulklasse. Fünfmal entschuldigt sich die Frau, die Schüler grinsen.

Einer wie Niema Movassat, der mit 25 Jahren in den Bundestag gewählt wird, fällt aus dem üblichen Raster für Abgeordnete. "Vielleicht lag es daran, dass ich an dem Tag Jeans anhatte", spekuliert der mittlerweile 28-jährige Jurist. Hinzu kommt wohl, dass der Sohn iranischer Einwanderer, geboren in Wuppertal und aufgewachsen in Oberhausen, eher kleingewachsen ist. Sein schwarzes Haar trägt er unbändig, nicht gescheitelt. Movassat kann über das Missverständnis lachen, sein Selbstbewusstsein hält das aus. [...]

Zwölf Bundestagsabgeordnete waren 2009 zu Beginn der Legislaturperiode 28 Jahre oder jünger. Dreimal so viele waren dagegen jenseits der 67. Der Altersdurchschnitt aller Parlamentarier lag bei 49,3 Jahren. Das ist zwar deutlich jünger als 1961 unter Kanzler Konrad Adenauer (52,3 Jahre), aber eben auch deutlich älter als 1972 unter Willy Brandt (46,6 Jahre). Das deutsche Parlament ist immer mal wieder jünger oder älter geworden. Alter erscheint für Politiker nicht als Nachteil, weil es ihnen als Erfahrung ausgelegt wird. [...]

Für viel Wirbel sorgte auch die Bundesregierung in Form handfester Koalitionskrisen. "Wenn man das gute Ergebnis des bürgerlichen Lagers betrachtet, war der Start in die Legislaturperiode miserabel", sagt Steffen Bilger. Statt Reformen habe es am Anfang nur Streit gegeben. "Unsere 14,6 Prozent waren Unionspolitikern ein Dorn im Auge", ist Florian Bernschneider überzeugt.Die schlechten Umfragewerte der FDP seien die Quittung dafür, dass man lange nicht zusammen, sondern gegeneinander gearbeitet hat.

Niema Movassat misst dem wenig Bedeutung bei. Auf die Frage nach den drängenden politischen Themen antwortet er: "Mich bewegt, dass 870 Millionen auf der Welt permanent hungern und dass deswegen alle fünf Sekunden ein Kind stirbt." Dagegen sei die Wiederwahl von Barack Obama trotz aller medialen Präsenz der berühmte Sack Reis, der umfällt.

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