„Sag mir, woher du kommst und ich sage dir, auf welche Schule du gehst“

18.05.2010, Presseecho

Wie im vergangenen Jahr, so wird auch der Sommer 2010 zu einem heißen Streik-Sommer! Die Linksjugend ['solid] ist Teil des Bildungsstreiks und wird zu den Protesten eine eigene Zeitung erstellen (die letztjährige findet sich hier). Für die kommende Streikzeitung habe ich einen Artikel verfasst, der dort veröffentlicht wird. Für euch gibts den Beitrag hier schon mal in der Vorab-Version! Die Streikzeitung kann in Kürze auf der Internetseite des Bundesverbands bestellt werden.

„Sag mir, woher du kommst und ich sage dir, auf welche Schule du gehst“

Die Benachteiligung junger MigrantInnen im Bildungssystem

Das bundesdeutsche Bildungssystem steckt Kinder früh in Schubladen. Wer in welche Schublade kommt, bestimmt sich nicht nur nach dem Geldbeutel und dem Bildungsgrad der Eltern, sondern auch nach der ethnischen Herkunft des Kindes. Kinder aus MigrantInnenfamilien haben es im deutschen Bildungswesen schwer. Sie sind häufig einer doppelten Benachteiligung ausgesetzt.

Erschreckend schlechte Bildungschancen

Bereits der Bildungsstart verläuft bei Kindern aus MigrantInnenfamilien nicht optimal: obwohl gerade Kinder aus zugewanderten Familien von einem Kindergartenbesuch profitieren würden, besuchen sie seltener Kindergärten als ihre AltersgenossInnen ohne Zuwanderungsgeschichte. Das in einigen Bundesländern ausgezahlte Erziehungsgeld verstärkt diese Problematik. Eltern behalten mitunter ihre Kinder aus finanziellen Gründen zu Hause, statt sie in den Kindergarten zu bringen. Die Mittel für das Erziehungsgeld werden zudem aus dem Etat der Kindergärten gestrichen. Ziel sollte hingegen sein, allen Kindern einen Platz in einem Kindergarten zur Verfügung zu stellen und dort durch gut ausgebildete ErzieherInnen individuell zu fördern.

Die Folgen der mangelnden frühkindlichen Förderung zeigen sich bereits in der Grundschule: In der ersten bis dritten Klasse müssen Kinder mit Migrationshintergrund viermal so häufig das Schuljahr wiederholen. Das Risiko, auf eine Sonderschule für Lernbehinderte überwiesen zu werden, ist doppelt so hoch. Im Jahr 2007 verließen 17 % der ausländischen SchülerInnen die Schule ohne Hauptschulabschluss (deutsche: 7 %) und 42 % erwarben lediglich einen Hauptschulabschluss (deutsche 23 %). Auch finden Jugendliche mit Migrationshintergrund nach ihrem Hauptschulabschluss wesentlich schwerer einen Ausbildungsplatz als andere. Schuld daran sind nicht etwa die Jugendlichen selbst, die nach Studien einen hohen Bildungswillen zeigen, sondern das deutsche  Bildungssystem: Deutschland belegt in internationalen Vergleichsstudien einen Spitzenplatz bei den Leistungsunterschieden zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund.

Diskriminierungen und Vorurteile

Nicht selten gibt es negative Einstellungen und Vorurteile der PädagogInnen gegenüber jungen MigrantInnen. Im Ausbildungssektor setzen sich diese Vorbehalte fort: ArbeitgeberInnen befürchten negative Reaktionen bei ihren Kunden, wenn sie junge MigrantInnen einstellen. In einer Studie der der Universität Konstanz, im Auftrag des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA),  wurden die gleichen Bewerbungen einmal mit „deutschen“ und einmal mit türkisch klingenden Namen an Unternehmen verschickt. Die BewerberInnen mit türkischen Namen erhielten 14 Prozent weniger positive Antworten. Die Ursachen hierfür entspringen dem gesellschaftlichen Umgang mit MigrantInnen: Jahrzehntelang wurden sie vorrangig als Problem, Belastung, ja sogar als Bedrohung angesehen. Vehement wurde bestritten, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und dass sich eine multikulturelle Gesellschaft entwickelt hat. Auch heute noch wird Integration als einseitige Bringschuld der eingewanderten Menschen verstanden, die sich „einer Leitkultur in Deutschland“ (Grundsatzprogramm der CDU) unterzuordnen haben.

Das Menschenrecht auf Bildung gilt für Alle

Ein tiefgreifendes Problem ist der Schulbesuch auch und gerade für sogenannte statuslose Kinder, also Kinder ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Nur in wenigen Bundesländern gibt es für sie eine ausgewiesene Schulpflicht. Doch selbst dann müssen Schulleitungen und LehrerInnen illegalisierte Familien an die Ausländerbehörden melden. Dies hätte in manchen Fällen die sofortige Abschiebung dieser Menschen zur Folge. Wer dagegen Kenntnisse verschweigt, riskiert dienst- und strafrechtlich belangt zu werden. Um in Deutschland bleiben können, entscheiden sich daher viele  Eltern ohne Aufenthaltsgenehmigung gegen den Schulbesuch ihrer Kinder. Somit werden Tausende Kinder systematisch von dem Recht auf Bildung ausgeschlossen. Dazu kommt für AsylbewerberInnen, deren Aufenthalt vorrübergehend genehmigt wurde, dass sie sich an die Residenzpflicht halten müssen, wenn sie sich nicht strafbar machen wollen. Die Residenzpflicht verbietet AsylbewerberInnen den Landkreis zu verlassen, in dem sie gemeldet sind, wenn sie keinen Antrag auf das Verlassen genehmigt bekommen. Die Folge ist, dass betroffene Jugendliche nicht sicher an Klassenfahrten teilnehmen können, sondern immer befürchten müssen, dass ihnen die Reiseerlaubnis verwehrt bleibt. Nach der Schule geht die Diskrminierung weiter: Im Jahr 2007 wurde ein Asylbewerber aus Syrien, der aufgrund sehr guter schulischer Leistungen einen Studienplatz an der Uni Jena erhielt, von der Uni ausgeschlossen, weil er gegen besagte Residenzpflicht verstoßen hatte. Auch deswegen fordern wir, dass die Residenzpflicht abgeschafft wird und das Recht auf Bildung endlich allen Kindern  gewährt wird.

Es muss einiges passieren

Spezielle Fördermaßnahmen in den weiterführenden Schulen als Vorbereitung auf die Ausbildungsplatzsuche sind die Mindestforderung. Um die Probleme aber wirklich zu lösen, braucht es eine Schule für alle Kinder und Jugendliche, wo diese miteinander und voneinander lernen können - wie in anderen Ländern auch. Auch ein Mentalitätswechsel in der Gesellschaft ist nötig: Andere Sprachen und Kulturen müssen als Bereicherung verstanden werden, es muss Schluss sein mit Ausgrenzung und Diskriminierung. Interkulturelles Lernen muss Teil des Lehrstoffes für alle SchülerInnen sein. Bildung ist ein Menschenrecht, auf dass auch Kinder von MigrantInnen Anspruch haben. Dutzende Studien haben längst gezeigt, dass MigrantInnen in Deutschland schlechtere Ausgangsvoraussetzungen geboten werden. Heute stammt jedes dritte Kind unter fünf Jahren aus einer migrantischen Familie - höchste Zeit also endlich das Bildungssystem grundlegend zu reformieren und nicht länger Chancen für diese Kinder zu verbauen.

Niema Movassat, MdB Fraktion DIE LINKE

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