Partnerschaftlich.org: "Die Jugend von heute … ein Blick als drogenpolitischer Sprecher der LINKEN"

20.03.2020, Presseecho

partnerschaftlich.org, 17.03.2020

Die Jugend von heute ist – wie auch die vorherigen Generationen – divers. Laut der Shell Jugendstudie 2019 sind die Jugendlichen in den letzten Jahren politisch interessierter und engagierter geworden. Die einen machen sich zunehmend Sorgen um ihre Zukunft und gehen z.B. für das Klima auf die Straße. Freunde, Partnerschaft und Familie sind laut Studie nach wie vor die wichtigsten Themen. Ein Teil der jungen Menschen wächst dabei unter schwierigen Verhältnissen auf – beispielsweise mit suchtkranken oder psychisch kranken Eltern, ohne sicheren Aufenthaltsstatus oder mit Diskriminierungserfahrungen. Dieser Pluralität der jugendlichen Lebenswelten kann man in wenigen Sätzen gar nicht gerecht werden. Gemeinsam ist den Jugendlichen von heute wie von gestern jedoch, dass sie mit verschiedensten Herausforderungen konfrontiert sind, welche für die Identitätsentwicklung, die Verinnerlichung von Werten, die Entwicklung von Selbständigkeit und die Aneignung von Lebensentwürfen maßgeblich sind.

Welche Rolle spielen nun Drogen in dieser Lebensphase? Aus der sozialisationstheoretischen Perspektive ist das Erlernen eines Umgangs mit dem Konsum von (il-)legalen Drogen eine der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter (Hurrelmann/Settertobulte 2008). Das trifft vor allem auf Alkohol zu. Junge Menschen müssen sich den Umgang mit berauschenden Substanzen innerhalb einer Gesellschaft, in der Alkoholkonsum normalisiert und oft verharmlost und Cannabiskonsum noch verteufelt wird, erst erschließen. Dies erfolgt nicht immer auf unproblematische Weise. Nicht nur ein gesundheitlich bedenkliches Ausmaß des Konsums, sondern auch ein frühes Einstiegsalter kann junge Menschen in ihrer weiteren Entwicklung beeinträchtigen. Dabei dient der jugendliche Konsum von gesellschaftlich akzeptierten Drogen wie Alkohol, aber auch von illegalisierten Drogen wie Cannabis im familiären aber auch gesellschaftlichen Kontext oft als Handlungsfeld zum Austarieren von Autonomie und zur Abgrenzung oder Aneignung elterlicher bzw. erwachsener Verhaltensmuster und Lebensformen. Ob sich problematische oder riskante Konsummuster etablieren, hängt auch davon ab, welche Funktion die berauschenden Substanzen erfüllen. Kritisch wird es beispielweise, wenn bei Entwicklungsproblemen im Jugendalter Alkohol und Cannabis zur Kompensation genutzt werden – z.B. zur Stress- und Gefühlsbewältigung.

Erfreulich ist, dass sich der jugendliche Konsum teilweise zum Positiven verändert hat. Laut dem letztjährigen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung hat sich in den letzten 15 Jahren der Anteil der rauchenden Jugendlichen um zwei Drittel reduziert. Auch ist bei den unter 18-Jährigen der Anteil derer, die schon einmal Alkohol konsumiert haben, und der Anteil derer, die regelmäßig Alkohol konsumieren, in den letzten Jahren geringer geworden ist. Ebenso ist das Rauschtrinken weniger verbreitet als früher. Beim gelegentlichen und regelmäßigen Cannabiskonsum lässt sich hingegen eine leichte Zunahme unter den Jugendlichen und jungen Heranwachsenden beobachten.

Diese Entwicklung zeigt ganz deutlich: Verbote – auch das Cannabisverbot - wirken auch bei jungen Menschen nur begrenzt. Zur Gewährleistung des Jugendschutzes kann sich also nicht darauf ausgeruht werden, dass legale Drogen bis zu einem bestimmten Alter und illegale Drogen auch darüber hinaus nicht legal zugänglich sind. Viele Jugendliche hält dies nicht davon ab, diese Substanzen trotzdem auszuprobieren oder häufiger zu konsumieren. Der Reiz des Verbotenen dürfte die Attraktivität von Cannabis sogar noch steigern.

Eine große Frage ist nun auch, wie geht unsere Gesellschaft mit jungen Menschen, die Drogen konsumieren, um? Präventionsprogramme sowie Beratungs- und Behandlungsangebote bei problematischem Konsum werden von der Politik mittlerweile sehr gefördert – aber oft erreichen sie die Jugendlichen gar nicht oder erst viel zu spät. Und dann gibt es auch noch die andere Seite – die strafrechtliche Verfolgung bei illegalen Drogen. Im Jahr 2018 erfolgten laut Statistischem Bundesamt ca. 15% der Verurteilungen von straffällig gewordenen Jugendlichen und Heranwachsenden aufgrund von Betäubungsmitteldelikten. In der Summe waren das in einem Jahr über 12.000 junge Menschen zwischen dem 14. und 21. Lebensjahr, die im Zusammenhang mit Drogen strafrechtlich verurteilt wurden. Nur ein Bruchteil davon muss natürlich eine Haftstrafe antreten. Überwiegend werden sogenannte Zuchtmittel und Erziehungsmaßnahmen angewendet – die jungen Menschen werden verwarnt, müssen Geldstrafen zahlen, Arbeitsleistungen erbringen oder für eine Zeit von maximal vier Wochen in den Jugendarrest. Hochproblematisch ist aus strafrechtstheoretischer Sicht, dass bei Betäubungsmitteldelikten Menschen überwiegend wegen konsumnahen Delikten strafrechtlich verfolgt werden – nämlich in fast vier von fünf Fällen (siehe BKA: Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität 2018). Hier liegt noch nicht einmal eine Fremdschädigung vor. Es ist absurd, das Strafrecht für Sanktionen heranzuziehen, wenn junge Menschen Drogen ausprobieren oder im schlimmeren Fall eine Suchtproblematik entwickelt haben. Eine Strafverfolgung hilft ihnen da nicht weiter, denn sie ist ungeeignet für Prävention, Aufklärung und adäquate Hilfen. Aber nicht nur das: Die Kriminalisierung junger Drogenkonsument*innen ist auch verantwortungslos. Sie ist stigmatisierend und birgt ein erhebliches zusätzliches Risiko einem erfolgreichen Lebensverlauf langfristig zu schaden.

Wenn Alkohol, Cannabis und sonstige Drogen als Mittel zur Problemkompensation dienen und die Drogenkonsument*innen kriminalisiert werden, ist wenig verwunderlich, dass die Suchtproblematik auch in Jugendstrafanstalten präsent ist. Aber erschreckend ist dann doch, dass sich bei der Haftform ‚Jugendstrafe‘ der höchste Anteil an Gefangenen mit einer Suchtproblematik findet. Laut des Drogen- und Suchtberichts 2019 weisen rund 56 Prozent der jugendlichen Gefangenen eine Substanzabhängigkeit oder einen Substanzmissbrauch auf. Das sollte uns zu denken geben.

Ich möchte noch eine ganz spezielle Lebensrealität von Jugendlichen ansprechen. 2,6 Mio. Kinder und Jugendlichen wachsen mit mindestens einem suchtkranken Elternteil auf. Sie erleben in der Regel keine unversehrte Kindheit und Jugend. Sie leiden oft unter einem Mangel an emotionaler Zuwendung, Vertrauen und Verlässlichkeit. Und vor allem steigt ihr Risiko selbst zu erkranken. Etwa ein Drittel der Kinder aus suchtbelasteten Familien entwickeln eine eigene stoffliche Abhängigkeit. Diese Gruppe junger Menschen hat es besonders nötig, dass sich gesellschaftlich etwas ändert.

In einer Gesellschaft, in der Saufgelage wie beim Oktoberfest oder Karneval noch immer verharmlost werden und Kiffen kriminalisiert wird, ist es für die Jugend eine große Herausforderung, ein verantwortungsbewusstes und selbstbestimmtes Konsumverhalten zu entwickeln. Die Erwachsenen sind für Jugendliche nicht glaubwürdig, solange einerseits jugendliches Rauschtrinken und Cannabis rauchen skandalisiert und zugleich andererseits Alkohol als Teil unserer Alltagkultur vorgelebt wird. Als drogenpolitischer Sprecher der Linksfraktion glaube ich, dass sich der gesellschaftliche Umgang mit Drogen ändern muss. Ein erster Schritt wäre ein Werbeverbot für legale Drogen und die regulierte Abgabe von kontrolliert angebautem Cannabis an Erwachsene.

Der Jugend von heute müssen wir aber auch eine Zukunftsperspektive bieten. Denn mit Problemen steigt das Risiko, dass Drogen zur Bewältigung des Alltages eingesetzt werden. Die beste Präventionspolitik wird scheitern, wenn die Politik den Menschen keine ausreichenden Perspektiven für ein gutes und selbstbestimmtes Leben gibt! Aus einer linken drogenpolitischen Sicht müssen wir Jugendlichen die Entwicklung zu selbstbewussten Menschen ermöglichen und sie zu einen selbstbestimmten und verantwortungsvollen Umgang mit berauschenden Substanzen befähigen.

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