junge Welt: "Rational erklären lässt sich das alles nicht"

08.08.2019, Presseecho

junge Welt, 08.08.2019, Markus Bernhardt

Cannabislegalisierung scheitert an konservativer Verbohrtheit. Ein Gespräch mit Niema Movassat.

Bereits zum 23. Mal findet in Berlin die Hanfparade statt, bei der am Sonnabend für die Entkriminalisierung des Cannabiskonsums demonstriert wird. Welche Bedeutung haben die Proteste für den Kampf um Legalisierung?

Die Hanfparade ist ein wichtiges Signal. Ein Ende der Legalisierung von Cannabis ist längst überfällig. Die Kriminalisierung führt zur Bevormundung erwachsener Menschen. Was wir brauchen ist ein drogenpolitischer Neustart, also eine sofortige Entkriminalisierung aller Drogenkonsumentinnen und -konsumenten. Dafür gehen auch wir von Die Linke am Samstag auf die Straße.

Woran scheitert die Legalisierung bislang?

An ideologisch verbohrten Politikern vor allem in der CDU und CSU. Während diese etwa Alkohol als Kulturgut behandeln, wird Cannabis verteufelt. Dabei sterben in Deutschland jedes Jahr 74.000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums, während bisher niemand hierzulande durch Cannabiskonsum gestorben ist. Diejenigen, die weiter für ein Cannabisverbot plädieren, machen sich nicht die Mühe, diese Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Rational erklären lässt sich das alles nicht.

Selbst in Teilen der USA darf Cannabis mittlerweile legal erworben werden. Warum wirkt die BRD nach wie vor wie ein drogenpolitisches Entwicklungsland?

Auch in Kanada wurde letztes Jahr Cannabis legalisiert. Mittlerweile haben fast 130 Millionern Menschen weltweit legalen Zugang zu Cannabis als Genussmittel. Immerhin kann in Deutschland nun seit 2017 Cannabis als Medizin verordnet werden. Das war ein wichtiger Schritt für schwerkranke Patienten – und hoffentlich auch ein Anfang dafür, dass der Widerstand gegen eine fortschrittliche Drogenpolitik langsam bröckelt.

Hat die Kriminalisierung von Cannabiskonsumenten irgendwelche Erfolge erzielt?

Überhaupt nicht. 2,8 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Cannabis. Das Verbot hält also niemanden vom Konsum ab. Es erhöht aber die gesundheitlichen Risiken. Denn auf dem illegalen Markt ist Cannabis teils mit Blei und Haarspray gestreckt. Außerdem wissen die Konsumenten nicht, welchen THC-Gehalt (psychoaktiver Wirkstoff in Cannabisprodukten, jW) ihr Cannabis hat. Durch die Kriminalisierung wird das Leben von Menschen gefährdet, die anstatt eines Feierabendbiers einen Joint genießen. Denn ein Ermittlungsverfahren, eine Vorstrafe oder der Verlust des Führerscheins wegen verschwindend geringen Restmengen THC im Blut kann zu ernsthaften Problemen wie etwa dem Jobverlust führen.

Sie fordern die legale Abgabe von Cannabis an Konsumenten. Wie stellen Sie sich das vor?

Die Linke favorisiert ein Modell, in dem erstens die Möglichkeit des privaten Anbaus zum Eigenbedarf besteht, und zweitens Cannabis-Social-Clubs eingerichtet werden. Es handelt sich dabei um ein genossenschaftliches Modell nach katalanischem Vorbild.

Gerade ist allerdings weltweit eine andere Entwicklung zu beobachten. Mit der Legalisierung wird ein neues Marktsegment für den Kapitalismus geschaffen. Den Cannabismarkt beherrschen zunehmend börsennotierte Unternehmen. Bei einem solchen kommerziellen Modell stehen Profitinteressen und nicht die Gesundheit der Konsumenten im Vordergrund. Ideal wäre es, die Regulierung des Cannabismarktes kooperativ und möglichst nicht gewinnorientiert zu gestalten.

Und wie wollen Sie den Jugendschutz gewährleisten?

Den Zugang über Cannabis-Social-Clubs sollen nur volljährige und registrierte Mitglieder erhalten. Für Minderjährige darf Cannabis aus Jugendschutzgründen weiterhin nicht zugänglich sein. Allerdings verändert ein offener, akzeptierender Umgang mit Drogen die Wirkung auf junge Menschen. Das bisherige Verbot von Cannabis wirkt als Antiaufklärung, weil Jugendliche nicht ohne Angst vor Strafe über Cannabis reden können und notfalls bei einer Sucht nicht frühzeitig Hilfe aufsuchen.

Der beste Jugend- und Gesundheitsschutz ist übrigens, wenn Menschen eine ausreichende Perspektive für ein gutes Leben geboten wird, wenn sie nicht in prekären Lebens- und Wohnsituationen verweilen müssen und unter den zunehmenden Leistungsanforderungen in der Arbeitswelt leiden. Denn dann sinkt die Anfälligkeit für die Entwicklung einer Suchtmittelabhängigkeit.

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