Drogenkonsum und Suchtabhängigkeit in Zeiten der Corona-Krise

26.03.2020, News

Unser Leben steht seit der Corona-Krise auf dem Kopf. Unsere Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit ist massiv eingeschränkt. Für manche Menschen wird dies und das Infektionsrisiko zu besonderen Herausforderung. Zum Beispiel dürfen wir die besondere Lage von Menschen mit Suchterkrankungen und Suchtmittelabhängigkeiten nicht vergessen, denn Süchte lassen sich ja nicht einfach abstellen. Ihre Situation ist teilweise dramatisch und wird oft nicht erwähnt.

Trotz Coronavirus müssen oder wollen sich Menschen mit oder ohne Suchtabhängigkeit mit illegalisierten Drogen versorgen. Während wir weiterhin problemlos Zugang zu Alkohol und Tabak haben, wird es für Cannabiskonsument*innen, Heroinabhängige etc. zunehmend schwieriger. Hier fällt uns nun auf die Füße, dass wir Cannabis und andere Drogen nicht legalisiert und daher keinen kontrollierten Zugang geschaffen haben. In den Niederlanden wurde beispielsweise die Versorgung gesichert, indem Coffeeshops weiterhin zum to-go-Verkauf geöffnet bleiben dürfen. Bei uns werden hingegen Menschen weiterhin Kontakt zu Dealern aufnehmen – ohne dass irgendeine Abstandregel gewährleistet ist.

Beim Drogenkonsum ist jetzt absolut wichtig, die grundlegenden Safer-Use-Regeln zu beachten. Um den Virus nicht weiter zu verbreiten, sollten Joints und Konsumutensilien nicht gemeinsam genutzt und rumgereicht werden. Wichtig ist im Hinblick auf das Thema „harm reduction“ (Schadensminimierung) auch, die Drogenkonsumräume offen zu halten, damit drogenabhängige Konsument*innen in einer sterilen Umgebung mit medizinischem Personal ihren Suchtdruck lindern können. Auch hier braucht es eine Aufstockung finanzieller Mittel, die Sicherstellung der Öffnungszeiten und Versorgung mit medizinischem Material wie Desinfektionsmittel, schützende Kleidung und Masken zum Schutz der Mitarbeiter*innen und der Konsument*innen.

In einer neuen Situation befinden sich auch die etwa 80.000 Menschen, die in Deutschland substituiert werden. Die Hälfte der Patienten muss dafür jeden Tag den Arzt aufsuchen. Diese Menschen müssen besonders geschützt werden, denn durch die meist langjährige Drogenabhängigkeit sind sie gesundheitlich beeinträchtigt (z.B. durch HIV- und HCV-Infektionen) und damit Hochrisikopatient*innen. Der tägliche Gang zur Arztpraxis stellt ein großes Risiko für eine Infektion mit den neuartigen Coronavirus dar. Wir brauchen unverzüglich eine Ausweitung der Take-Home Vergabe auf alle Substitutionspatient*innen. So können Substitutionsmedikamente für mehrere Tage ausgegeben und damit die Arztbesuche drastisch reduziert werden. Zusätzlich wäre eine wohnortnahe Versorgung über Apotheken und Drogenhilfeeinrichtungen angebracht und es muss die Versorgung von sich in Quarantäne befindenden Personen gewährleistet sein. Mittlerweile fordert erfreulicherweise auch die Drogenbeauftragte Ludwig (CSU) Erleichterungen für Substitutionspatient*innen.

Ebenso muss die medizinische Infrastruktur zur Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung von Suchtkraken sichergestellt werden – auch hier fehlt es an Personal und medizinsicher Ausstattung. In einigen Regionen Deutschlands haben die Behörden bereits die Schließung von Entwöhnungskliniken angekündigt. Der Abbau der Suchtkrankenversorgung birgt für drogenabhängige Menschen große Risiken wie ein Rückfall, ein kalter Entzug etc. und erhöht damit die Gefahr für gesundheitliche Schäden und für tödliche Überdosen.

Auch bei den legalen Stoffen hat sich durch die Corona-Krise einiges verändert. Durch die inzwischen bundesweit erfolgten Erlasse zur Schließung von Einzelhandelsgeschäften ist die Grundversorgung ehemaliger Raucher mit E-Zigaretten bzw. nikotinhaltigen Liquids nicht mehr gewährleistet. Um zu verhindern, dass Menschen wieder auf Tabak umsteigen – den sie weiterhin problemlos in Supermärkten und Tankstellen erhalten – bedarf es auch hier einer Ausnahmeregelung. Denn eine Nikotinsucht kann nicht einfach abgestellt werden. Einige E-Zigarettenshops haben bereits Abgabestellen eingerichtet und auch der Versand über Online-Shops kann zur weiteren Versorgung beitragen.

Es gibt viele Aspekte, die in einer solchen Krise erst einmal untergehen – auch beim Thema Drogen und Sucht sicherlich noch einige mehr als die hier erwähnten. Aber vor allem Menschen mit einer Sucherkrankung dürfen jetzt von der Politik nicht vergessen werden, denn sie sind oft Risikopatient*innen, die keine große Lobby hinter sich haben.

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